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Mittlands Tavernen I - Die Verlorene Quaste in Alwend

Prolog

Hatten sie ihre Schicksale in die falschen Hände gelegt? War nicht spätestens seit dem Überfall auf das Dörfchen Kern, welches sie damit tatsächlich zu befreien wähnten, jede Hoffnung verstorben?

Der Druide, Rädelsführer, Erzdieb, verschwand in seinen Wald, vermutlich auf nimmer Wiedersehen. Diesem feigen Beispiel folgten einer ihrer so unentbehrlichen Heiler genauso, wie zwei Hexen. Ob die Bäume womöglich irgendwann den schützenden Schatten verwehrten?

Jene paar unglücklich überlebenden, zuvor eilends gerüsteten Hilfssoldaten des Fürsten, die ihre Freunde und Verwandten im Pfeilhagel respektive unter wütenden Klingenhieben fallen sehen mussten, flohen entsetzt vor den blutrünstigen Fratzen eines entfesselten Mobs. Ein Krieger aus fremden Landen, der unserm geliebten Herren Südpfads in schwerer Stund' zur Seite stand, starb als braver Streiter sowie rechtsamer Held. Gleichfalls sollen der stets frohgemuten, ganz reizenden ..., Zofe ihres Zeichens, welche sich zuletzt gegen zahllose barbarische Attacken würdig einer Goderitischen Vierfeder verteidigte, Hymnen gewidmet sein!

Nun ruhen aller verbliebenen Komplottanten Blicke auf einer nebulösen mehrfachen Witwe. Diese wiederum liebäugelt mit Bischof Theodorus Leupold Hohenburg-Mühlbach, welcher einen Erfolg in Tethys kaum zu erkennen vermag: Zu schwer würden die Anschuldigungen wiegen – Siland von Schroffstayn wurde schließlich durch seine Leibeigenen, aber auch deren verschlagene Komplizen höherer Stände heimtückisch, gar unverhohlen umgebracht! Das "Corpus iurius" kennt alleine dafür bloß eine Strafe. Hier liegen jedoch zusätzlich Hoch- beziehungsweise Landesverrat, subversende Hetze, Anstiftung eines Aufruhrs, ja offener Rebellion, Verschwörung, Raub, diverse Mithilfedelikte et cetera vor. Wie sähe wohl eine Anhörung bei Kgl. Hofe aus? Speziell wenn die dreisten Verbrecher persönlich vor Seiner Majestät erschienen und ihn dann mit pathetischen Reden ob ihrer Untaten erst recht verhöhnten! Sicher gäbe es weder Wein noch würde das Goldbesteck aufgetafelt. Stattdessen schienen fauliges Wasser sowie rosteiserne Zangen als die angenehmsten Gastgeschenke garantiert. Darüber hinaus mochte keineswegs jedem die Ehre zuteil werden, ein letztes Gebet vom Schafott zu hauchen – in der Hauptstadt gibt es genügend hohe Balken...

Solche düsteren Vorahnungen treiben die Verschworenen um und weg von den offiziellen Straßen. Die Nächte ziehen nun länger dahin, bescheren selten Erholung, viel öfter hingegen tiefe Albträume. Nur ein Ereignis erhellt ihren Gang nach Tethys: Eines Abends huscht ein flinker Schemen derart behände quer durch das Lager, dass selbst eure besten Jäger verfehlt hätten. Im Scheine des dünnen Feuers schwört jene abgerissene Gestalt, der Rebell Beitram Steinbrecher, kniend vor Fürstin Medea ihr seine Treue. Danach überreicht er eine Nachricht:

Sein Abschied spricht eher für leicht ausgeprägte poetische Fähigkeiten, die Warnung ist dafür umso deutlicher: "Seid wie ein Reh, scheu, ungesehen! Graupelze oder Falken sind falsche Vorbilder – sie plärren zu laut! Und passiert unter keinen Umständen die Tore Südpfads, wenigstens nicht, bevor ihr Gladis' Worte bedenken konntet!"

Vor einer knappen Woche nahmt ihr Quartier in einer Bettenhalle mit dem erquickenden Namen "Akinis' sanfte Ruh'", direkt gegenüber des vereinbarten Treffpunktes. Theodorus reiste voraus, um die Lage im Schroffstaynschen Machtzentrum zu prüfen. Leider fehlt seit diesem Morgen von Alvin sowie Plotantrés jegliche Spur. Das heißt, beinahe: Eigentlich führt sie schnurgerade zum südlichen Haupttor der Fürstenstadt. Dies müsst ihr allerdings, selbst wenn es euch Unbehagen bereitet, zunächst untätig hinnehmen, denn heute wird das Güt'ge Gabenfest begangen – nach schier ewiger Zeit endlich einmal ein guter Tag!

"An dem Tag, da Borkas, Kriegskönig, Urians willfähriger Knecht, Schinder des Mittländischen Volkes, vom Throne gestoßen ward, jubilierten allerorten – Tarlem vielleicht ausgenommen – die Menschen, stoben auf Marktplätzen, in Gasthöfen, Theatern, Arenen zusammen, warfen ihre Ängste weit in die Luft und stimmten Lobgesänge an. Denn sein Nachfolger Johannes III., Abkömmling der Taube, Einer der Alten Domänen, hatte bereits eine neue Ära des Friedens sowie Wohlstandes proklamiert."

Jahr für Jahr gedenken die Bürger Mittlands, freilich ebenso ihre Gäste, dieser Ereignisse, indem sie die üppig geschmückten Tavernen des Reiches füllen, um dort Geschichten auszutauschen, zu trinken, essen und sich von Sorgen freizumachen.

Kaum einer der Wirte kennt die Legende aber vollständig: "Mit seiner ersten Amtshandlung lud er jene einfachen Leute, welche während der Regentschaft seines Vorgängers am meisten leiden mussten, in die Horatische Lichtkathedrale zu Tethys. Dort verlangte es ihn nach ihren Bedürfnissen, doch niemand brachte ihm Schelte oder Empörungen entgegen, nein, einzig Geschenke und Tränen aus Freude. Als Johannes III. dies sah, erwiderte er die rührenden Gesten. So erhielt damals ein jeder Gebende ein wirklich königliches Geschenk zurück."

Dementsprechend ehren die Wissenden unter den Schankmeistern das Güt'ge Gabenfest wesentlich familiärer denn die Allgemeinheit, absolut getreu dem Motto: "Wer ohne ein Präsent erscheint, die Türe ihm verschlossen bleibt!" Rabas Scharnhant von der "Verlorenen Quaste" beispielsweise hält es so.