Mittland VII - Schwarze Witwe
Prolog

- © www.lichterjagd.de by Stefan Mundus-Weichert
Skalvenbär! Sie hatten das Herz des Widerstandes also zurückgefordert. Der Feind war vorerst vertrieben, nach Norden. „Zuflucht“, jubelten einige. „Sicherheit“, wähnten andere. Doch beides war trügerisch.
Das Heer in Schwarz-Weiß, die elende Plage, eisenherzige Schlächter aus der Fürstenstadt Südpfad, unter der Flagge des machtgierigen, heimtückischen Kanzlers, war im Winter so siegessicher wie nie und damit so unendlich viel gefährlicher gewesen. Das Volk lebte in Angst um Leib und Leben, dutzende Dörfer waren in Flammen aufgegangen. Die Männer, gleich ob sie zwanzig oder siebzig Winter zählten, wurden an bereits blutige Waffen gezwungen, um gegen Landsleute – Freunde und Familie – zu kämpfen, die sich der Tyrannei widersetzten. Man sah Kinder sterben, deren einzige Sünde jene war, dass sie dereinst ein Schwert gegen den besudelten Fürstenthron hätten führen können. In den Städten ward ein jeder aufgeknüpft, der nicht treu zur Fahne hielt. Der Schatten, den das befleckte Banner in Schwarz-Weiß über das Land warf, war dunkel und tödlich.
Aber das neue Bündnis mit den Orken der Harraztol Karrak, dem Stamm vom Roten Zahn, brachte Waffen und – was viel wichtiger war – Krieger. Auch wenn dieses Band, zum Bersten gespannt, im Kampf und Vormarsch nach Norden auf eine harte Probe gestellt wurde, hielt es doch und führte schließlich auf jene bedeutungsvollen Zinnen, wo der Widerstand gegen die Leidbringer des Kanzlers begann: Skalvenbär.
„Meine Fürstin?“ Die zierliche Frau wurde aus ihren Erinnerungen gerissen. Ein Knecht – das Blut des Sieges noch immer auf der Stirn – führte einen Vertrauten heran: Fridolin, „Feldherr der Armen“ – so riefen ihn seine Getreuen im Spaße – verneigte sich etwas steif und lächelte mit bitterem Glanz in den Augen. Ein notdürftig versorgter Schnitt an der Schulter machte ihm zu schaffen. „Ist gut, kümmere dich um die Verletzten!“ Er entließ den jungen Mann vor sich mit einem knappen Nicken und trat neben seine Herrin.
„Zurückgefordert in nur drei Tagen“, fasste er das Unglaubliche zusammen. Gemessenen Schrittes lief er gleich darauf den Wehrgang entlang bis hin zu einer äußerst lebensechten Statue, die einen Schützen mit gespanntem Bogen abbildete, wie er sich gerade über die Mauer beugte, um längst verschwundene Eindringlinge ins Visier zu nehmen. Fridolin blickte dem Fremden in die Augen. „Holen wir ihn zurück“, fragte er.
„Das kann ich nicht“, hauchte sie durch ihren Schleier, „das kann ich nicht“ und bedauerte es unendlich.
„Dann suchen wir jemanden, der es kann. Er ist nur Soldat. Er… er verdient eine zweite Chance. Im Hof steht noch einer von ihnen.
„Ich weiß.“ Sie wirkte entrückt. Sie wünschte wohl, man würde schnell jemanden herbeibringen, der diesen Unglückseligen zurück ins Leben rufen könnte, hatte aber ganz andere Probleme, denen sie in Gedanken nachhing. Fridolin kehrte an ihre Seite zurück und lieferte seinen Rapport ab:
„Die Orken rasten nicht. Sie machen sich auf den Weg, einzufordern, was wir ihnen versprochen haben. Sie werden Wochen unterwegs sein. Der Attorhuk bleibt mit einigen Vertrauten, um die Verhandlungen der Stämme einzuberufen. Er sagt, er schicke Boten nach dem Süden, doch bis sie mit den Abgesandten wieder zu uns stoßen, wird Zeit vergehen.“
Die Fürstin starrte in die Ferne: „Was sollen wir den Grünhäuten anbieten, damit sie für unsere Sache einstehen? Ihnen werden sicherlich einige Forderungen einfallen.“
„Und wir werden sie erfüllen, um Fürst Ullrichs Willen, für den Frieden und das Heil eures Volkes.“
Etwas ratlos wendete sich die Witwe ihrem Vertrauten zu. „Wir sind nur noch wenige. Viel zu wenige!“
Fridolin überspielte diese trübsinnige Feststellung, obgleich er wusste, dass der Krieg über den Winter zahllose Opfer gekostet hatte. Er fuhr mit seinem Bericht fort: „Die Burg hat sich verändert. Nicht nur, dass sie umgebaut wurde und die Gewölbe nicht mehr auffindbar sind, manche Toten tragen auf der linken Hand ein kryptisches Mal, Tote, die mit jedem Schwertstreich fremde Formeln rezitierten, ehe sie zugrunde gingen.“ Die Fürstin reagierte nicht.
„Medea?“ Fridolin wartete ab. „Medea?“ Sie sah ihn an. „Und der Kanzler war hier.“
„Wir sind hier keineswegs sicher“, prophezeite sie. „Südpfad wird, nein, muss einen Gegenangriff wagen. Skalvenbär war offenbar nicht bloß eine Eroberung wie viele. Sie haben hier etwas getan, das wir nicht verstehen, sie haben es verteidigt, bis zum letzten Mann. Wir brauchen Hilfe, jedweden Beistand, den wir bekommen können, denn wenn die Verhandlungen mit den Orken hier nicht stattfinden oder scheitern, ist unsere Sache verloren.“
Medea schien neue Zuversicht zu schöpfen: „Das Bündnis mit den Stämmen der Uzod könnte diesen Landstrich, vielleicht gar ganz Südpfad befrieden. Dann könnte dieses Fürstentum neu aufgebaut werden. Schicke Kunde an alte Freunde aus und auch Nachricht an jene, die neue Freunde werden mögen. Die Grenzen nach Süden stehen uns nun offen. Es werden Verbündete wider den Verrat und die Tyrannei gesucht. Wer diese Bürde auf sich nimmt, soll entlohnt sein, denn die Verantwortlichkeiten müssen neu geordnet werden. Es bedarf neuer Lehnswalter und Minister, neuer Würdenträger und Verbündeter.“
„Ja, ja und dann noch ein oder zwei Kisten voll Gold für jedermann“, flachste Fridolin. Medea warf ihm einen empörten Blick zu. „Es geht nicht um Reichtum und Ruhm, Fridolin, sondern um Ehre und um den Frieden – den des Volkes, deinen Frieden und den meinen. Wenn diese Verhandlungen erfolgreich sind, trete ich vor des Königs Thron und glaube, bei der Seele meines geliebten Gatten Ullrich, dass Seine Gunst uns gehören und die Teufelei Südpfads, welche so viel Blut und teure Leben gekostet hat, ein Ende finden wird!“
