Sie sind hier: Orgas / Mittland-Orga / Cons / Mittland VI

Mittland VI - Mundtot!

Prolog


Wir möchten darauf hinweisen, dass der Prolog neben möglicherweise aufgeschnappten Gerüchten und Tatsachen auch Metawissen beinhaltet, da er Szenen vermittelt, die der breiten Öffentlichkeit wahrscheinlich nicht bekannt sind. Jeder kann selbst entscheiden, welche Kenntnisse sein Charakter über das hier gelesene hat und woher er dies bekam. Ein Fantasy-Setting lässt ja glücklicherweise ein paar Möglichkeiten offen, auch an etwas ausgefallenere Informationen zu gelangen. Der Prolog ist nicht bindend für die Teilnahme an der Veranstaltung und muss somit nicht gelesen werden. Hier kann jeder selbst entscheiden, was für die eigene Vorfreude und den Spielspaß sinnvoll und praktisch ist.


„Wir sind wie der Sturm: Uns setzt man keine Grenzen“, schwor Rabahim el’Nandar, Bashar der Tuen’din seine Truppe ein. „Selbst wenn wir schwächer werden und sterben, kehren wir zurück, irgendwann, unverhofft, schnell und wüster als zuvor. Die Ibliiz sind mit uns und mit ihnen erstehen wir wieder neu.“ Er sollte nicht vollends recht behalten, denn Grenzen würde man dem Hauptmann sehr wohl setzen, mit Seilen und Mauern. Auch würde er schwächer werden, am Ende, und sterben.

 

Dumpf drang an das amorphe, finstere Gefängnis ein Laut – der erste Schrei.

Währenddessen starb im Dorfe Kern ein Fürst.

 

Ein zweiter Laut, dieses Mal ein verzweifeltes Jammern. Es genügte noch nicht. Grabesstille.

Nur einen Tag später fand der Lilienlieb – so nennen ihn die Bäume – im Feenforst eine Schädelhälfte, glatt in der Mitte zerteilt, als ob mit Feuer geschnitten. Unweit davon liegt, verborgen im Unterholz, das Pendant. In Kern starb erneut ein Fürst.

 

Wiederum ein Schrei. Ein kalter Hauch, und das erste Band ward zerschnitten. Etwas regte sich.

Bald schon, ein Monat war vergangen, erkrankte im weißen Tethys, auf dem Taubenthron, ein König. Kein Kleriker der sieben Konfessionen, kein Weiser aus dem Sternenturm, niemand vermochte seine Qualen zu lindern.

 

Rote Feuer blickten auf, als der Schatten aus langen, düsteren Träumen von einem vierten Wehlaut erweckt wurde. Die körperlose Form jauchzte und sog an Qualen auf, was er dem Röcheln aus dem Diesseits entreißen konnte. Es hatte begonnen. Er war erwacht.

Das Siegel der Koindra Drakenkron, Beruferin des 3. Zirkels von Tal Yen, ist gebrochen. Die Fetzen eines aufgeregt bekrakelten Pergaments wehen in den Moldart. Kurz bevor ihre Worte im hastigen Wasser verlöschen, lässt sich gerade noch ein Satz lesen: "Gorgoroths Herz kehrt heim!"

 

Unsicher, ein Schluchzer, orientierungslos, plötzlich voll panischer Angst – ein weiterer so süßer Hilferuf, letzter Atemzug, erreichte ihn. Seine Kräfte nahmen zu.

Unterm Berge Thikbrôch schuften hunderte Zwerge. Unentwegt fördern sie raue Mengen an Eisen und Kupfer zutage. Ebenso sind Silber sowie viele kostbare Edelgesteine, vom Aresod bis Yntharmyth, in ihren Minen zu finden.
Weitaus seltener gar kam ZÛRNKLAS vor, allerdings eher ein exquisites Speiseerz denn geeignet zur Herstellung von Kriegsgerät, Schmuck oder auch nur Besteck. Doch mit einem Male stieg dessen Wert: Eine reiche Frau namens Elsbeth Seesfahl hatte Mitte des Jahres 1392 begonnen, die wenigen winzigen, federleichten Krumen aufzukaufen, und zwar zu einem unglaublichen Preis pro Barthaar. Seit Tagen aber boten Gesandte des Königshofes zu Tethys tatsächlich noch höhere Summen!
Leider würden diese Hünen in roten Mänteln bloß ein paar spärliche Reste, kaum mehr als einen Krûnsudbecher voll, mitnehmen können – schließlich versiegte gestern das einzige im gesamten Klûftgebirge bekannte Äderchen.

 

Der sechste Schrei ließ das beengende Gefüge erzittern. Ein weiteres Band riss. Er wartete.

Er schaute auf und gläserne Augen hinter der Maske deuteten von Ekstase und Erschöpfung gleichermaßen. Seine Männer kauerten halbtot am Boden, spuckten, zischten. „Gefunden“ besänftigte der Jäger sie und blickte hinter die schwindende Nacht. 

 

Mit dem siebten Schrei löste sich eine dünne Faser der schwarzen Zelle. Der Schatten gierte nach mehr.

In der Zeit da Meister Joseph Baumann die Rodung des Waldes, das Einschlagen des Grundsteines, die Errichtung der Ringmauer und die Erbauung der Zitadelle überwachte, musste er viel Blut fließen sehen, Blut, welches im Mittsommer im Lehm getrocknet war, der die halbfertige Garnison zusammenhielt. Als der schwarz-weiße Wimpel Südpfads über den Wipfeln des Feenforstes im Wind flatternd nach Süden wies und damit die Marschrichtung vorgab, zogen der Baumeister und die Hauptleute im Auftrag des Kanzlers Zwischenbilanz: Viertausend Goldmünzen, einhundert Arbeiter, fünfzig Südpfader Soldaten, unzählige Rebellen. „Ein teures Monument“, bewerteten die Herren schließlich ihr noch unfertiges Werk. „Teuer, aber notwendig“, würde der Kanzler eine Woche später ebenso konstatieren und die Kosten billigen.

 

Als das Japsen eines Kindes sang und dieser so seltene, erquickende Laut durch den Äther an den Schemen drang, sickerte bereits das Diesseits in den Karzer herein, wie ein Fingerzeig. Nun lauerte er und glotzte.

„Wir flüchten nach Ashkar“, erklärten sie der Fürstin. Doch als es soweit war und man die Schutzbefohlene zu holen suchte, war sie fort, sie und einige Getreue. Für eine Suche blieb keine Zeit. Man hörte bereits die Bäume brechen. Südpfad war nicht mehr weit.