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Mittland V - Auf Messers Schneide

Prolog

Ja, Borkas, Erbe Romangs, des ersten wahren Mittländischen Herrschers, gründete wohl den geheimen Rat. Er zweifelte das eigentlich nicht an. Oder war es doch der Koch Friedhelm gewesen? Immerhin gelang ihm seinerzeit eine enorm wichtige Sache: die Beseitigung des unrechtmäßigen Königs Johannes II.!
Eine blutrote Perle kam ins Rollen. Langsam stürzte sie von der Spitze die Schneide hinab, beschleunigte im freien Fall und zerplatzte lärmend zwischen den beiden Stiefeln. "Ich verflu" – den Turmpriester verlässt also sein Gott, bevor er ihm wahre Macht hätte verleihen müssen. Für ein spöttisches Grinsen genügte diese Ironie allerdings nicht. Der Pfaffe hatte in den vergangenen Monaten wiederholt Hetze wider der Astatischen Regeln sowie Ordnung im Tarlem nahen Orte Blutsbrünn ausgespien. Sein glorreiches Schaffen hinter dem Kreuz brachte ihm viel Schimpf, auch ein wenig Prügel ein und endete hier, in seinem Standesgewand, etwas fleckig zwar, trotzdem angemessen. Uneinsichtiger Hass glotzte aus seinen Augen, selbst da die Schwelle zum Jenseits bereits hinter ihm lag. Weniger verbissen gab sich sein Unterkiefer – als ob eine Leiche Schmerzen zu fürchten hätte. Unter der Zunge klemmte das kleine Ding, nun mit einem Jahr getränkt, ganz so, wie es der Helgelehrte damals schwadroniert hatte, bevor...:
"Jene Klinge sollest du sicher aufebewahren! Die Symbole daraufen gehören nicht zu den dieseseitigen Domänen, sie sind Ihr, der, die am schwarzen Flusse wartet. Willest du dich Ihres omnipotaenten Zugriffes erwehren, wähle eine dir ähnliche Kreature, dann beende deren Leben. Doch anders als du wahrscheinelich gewohnet, stoße das Metall genaue durch die Rippen, ohne das Herze zu beschaden. Dann placiere eine dieser farblosen Kugeln in des Verbleichenden Munde. Entnimm sie wieder, sobald dein großezügiger Spender ein letztes Röcheln hat erklingen lassen, das heißet die Todesgöttin ihn zu sich genommen. Dann siehe das Ergebnis und du wirst wissen Ihren Lohn – ein weiteres Jahr für einen treuen Diener. Aber verliere niemals, niemals eine von ihnen. Niemals!" ... Des Helisten überraschtes Gurgeln brachte die erste göttliche Gabe.
Zu den mittlerweile zwölfen, vornehmlich heiligen Würdenträgern entnommenen im kleinen Lederbeutelchen legte er behutsam die dreizehnte. Sein nächster Auftrag würde ihn in eine unbekannte Wildnis führen, was ihm wenig behagte. Allerdings war Zeit genug gewesen, sich mit diesem Gedanken anzufreunden, denn die Vorbereitungen für diese Prüfung hatten lange gedauert. Doch dem Aufwand stand der Erfolg gegenüber: Von jetzt an gehörte er zu den Köchen. Und Köche – ein Griff in seine Tasche brachte ein zerknittertes Pergament hervor –,...

Das Ableben von Pöbels Gnaden Johannes II. hätte den Widerstand gegen Borkas lähmen müssen. Aber dann lehnte sich das Gesindel tatsächlich auf. Seltsame Geschicke, die uns den Triumph aus der Hand gleiten ließen. Einerlei, diese schmachvolle Episode ist vorüber – der Waldrat spricht wieder. Endlich!
Lautes Gebrüll und ein splitterndes Fenster schreckten ihn aus diesem Gedanken. Die Gasse rechts stank nach Abfällen sowie noch üblerer Verwesung. Er bog dennoch ein. Das Schild über der zweiten Tür empfahl ein sehr spezielles Etablissement: "Fatimas Lust". Ihm war diese Absteige vertraut, deshalb blieb seine Anspannung. Die Tür knarzte, verriet sofort die Ankunft neuer Gäste. In der Stadt unter der Kriegsgöttin Segen gab es wenige Türen zu solchen Kellerspelunken, die dies nicht taten! Der Raum schien leer, niemand konnte freiwillig in solch beißenden Pfeifendünsten trinken wollen. Leise Gesprächsfetzen krochen durch die Rauchschwaden mehrerer Wochen. Seine Augen versagten ihren Dienst und begannen zu tränen. Seine Hand strich reflexartig über die kühle Klinge, während er sich Schritt um Schritt vorantastete. Zwei Schemen saßen an einem Tisch. Sie richteten ihre Blicke stur auf die vor ihnen stehenden Krüge. Er legte seinen linken Handrücken daneben und raffte den Ärmel – jenes Brandmahl kannten die Eingeweihten genau! Und die Toten. Beide Menschen nickten. Der Eine zog sein Hemd ein Stückchen tiefer. Ein täuschend ähnliches Narbengeflecht verunstaltete die linke Brust. Ihm gefiel nicht sonderlich, gerade auf diesen Gesellen vertrauen zu müssen. Es stimmte schon, in der Vergangenheit hatte er sich bewährt und Ausflüge in die Umgegend Kerns unternommen. Zumindest hieß es, sei der Rat immer zufrieden gewesen. Trotzdem, aber besonders störte ihn das ungewöhnliche kalkweiße Schwert, welches zur Hälfte aus dessen Reisebündel ragte. Sein Schädel knirschte, wenn er es nur anblickte. Außerdem verkehrte dieser Kerl mit einer Dunkelelfe.
Die andere Gestalt trug Schwarz, wirkte übertrieben stolz, ziemlich wachsam, war eben vollkommen unausstehlich. Bei Urians Hammer, was soll ich denn mit einem Dünensack? Zum Glück werden meine besten Jungs mit von der Partie sein. Der Turbanträger lächelte ihn plötzlich an, die Hände verschwanden unter dem Tischbrett. Der Geselle sprach ein paar fremdländische Wörter aus und rief dann nach einer weiteren Runde. Die Situation entspannte sich, obschon das Bier keinen Anlass dazu bot. Eine halbe Stunde später bedeutete er ihnen aufzubrechen. Sie gehorchten.

Vielleicht gibt es tatsächlich ein Schicksal – oder die Göttin meint es gut mit mir. Dieses Fürstentum Südpfad verheißt viele leicht verdiente Jahre. Alles scheint im Aufruhr, die Leibeigenen hassen ihren Herren, keine einzige Siedlung in der Gegend verfügt über Helme und die Dünensäcke operieren hier beinahe ungestört. Zudem sind die Getreuen des Empfängers verräterische Hunde. Gut möglich, dass solch unübersichtliche Lage einen Glücksfall hervorbringt, meine Zustellung beschleunigt...
Nichts verriet Teckler. Keine Bewegung, kein Geräusch. Nach einem Spaziergang um das Dorf kehrte er zu ihm zurück. Der Rapport fiel knapp aus, wie gewohnt: "Wenige Forken, zwei, vielleicht drei Helme, ein Goldwanst, ein Kreuz, zwei Rindenfresser. Kurze Bewaffnung – drei Bögen, kaum Pfeile, etwa vier Schwerter, höchstens fünf. Schwere Ogerspuren im Wald, Untote, gebunden an eine Erhebung südlich." Ein ausgezeichneter Kundschafter, zudem äußerst gefährlich, selbst ohne Zweihänder. Und es war seiner. Er hatte ihn aus der Gaststube befreit, kurz vor der Hinrichtung, allerdings leider erst nachdem die höfischen Folterknechte dem ehemaligen Leibgardisten Johanns des Hohen eine Fratze hatten angedeihen lassen. Was den Bericht anbetraf – ein Kinderspiel! Alles konnte ungestört arrangiert werden, denn niemand wusste von ihnen.

Aber das eiserne Gesicht beobachtete ihr Treffen aufmerksam:
"Diese vermeiden Licht in der Dunkelheit. Einer von ihnen witterte mich. Mit entstellten Gesichtszügen. Er war nur wenige Schritte vom Tor entfernt. Dort schliefen die Wachen wieder im Stehen. Ihre Augen auf das große Feuer gerichtet. Nicht für die Nacht geöffnet. Die Jäger und Herren saßen drumherum. Auch die Frauen. Sie sangen und lachten – während ich durch ihre Haare strich..."