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Mittland IV - Sandsturm

Die dürre Sichel kroch hinter die Wolken. Gerade erst hatte sie ihr silbergraues Licht auf das Gesicht des Mannes fallen lassen. Wieder umfing ihn tiefe Finsternis und schmeichelte seinen Zügen. Narben zerfurchten Wangen wie Stirn, scharten sich um eine schmerzhafte Augenwunde. Langsam schritt er durch das Lager, vorbei an Reihen von Zelten. Das Ausmaß der Garnison war kaum erahnbar. Nur vereinzelt flackerten Fackeln entlang der Hauptwege.
Er war müde. Wäre es nach ihm gegangen, dann hätte er sich schon längst auf dem weichen Heu ausgestreckt. Während der letzten Stunden im Sattel seines Pferdes hatte er bloß einen Gedanken gehegt: Endlich schlafen. Seinen Leuten war es nicht anders ergangen. Die letzten Wochen hatten sie geprüft und noch enger zusammengeschmiedet: Einer Reise, entbehrungsreicher als erwartet, folgten Widrigkeiten, welche das Erfüllen des Auftrages…
Seine Truppe, loyale Soldaten, war bald nach ihrer Ankunft in einigen Zelten verschwunden. Vermutlich schliefen sie bereits, hingen süßen Träumen von der Heimat nach. Neid quälte das Gemüt des Kriegers, knirschte unter seiner Schädeldecke.
Derart gedankenverloren kam er seinem Ziel nun immer näher. Zwei Feuerschalen brannten davor, die den Eingang als einzigen im Lager noch hell erleuchteten. Er muss schon lange auf uns gewartet haben, schauderte der Bote und wurde jäh aus seinen Sorgen gebrüllt:
"Es wird Zeit, Lesdraka!" Hiran, Hauptmann der Leibgarde, stand mit verschränkten Armen direkt vor dem Enehilizeltes und sah ihn mit strengem Blick von oben herab an. Fast zwei Monate hatte er den Hünen nicht gesehen. Immer wieder beeindruckte ihn dessen mächtige Gestalt. Jedoch, ein Lächeln huschte über seine Lippen. "Er wartet schon sehr lang", hob der Riese an, doch seine Miene blieb tröge wie zuvor. "Dann halte mich nicht auf. Geh' beiseite!", gebot Lesdraka und hielt dem Blicke stand. "Den Memlok lässt man nicht warten!", donnerte Hiran. Auf der linken Schläfe pochte bereits wieder jene kleine Ader. Lesdraka frohlockte innerlich – abermals war es ihm gelungen, den Hauptmann der Leibgarde außer Fassung zu bringen.
"Er soll kommen, Hiran. Lass' ihn ein", befahl eine dunkle Stimme aus dem Inneren des Zeltes. Hiran trat widerwillig zur Seite, lehnte sich gegen seinen Speer und Lesdraka verschwand hinter dem schweren Brokatvorhang.
Turach, ein Memlok der Ashum, stand in der Mitte seines Zeltes, gebeugt über einen Tisch bedeckt mit Karten und


Mittland IV - Sandsturm

Der Memlok stand auf dem Kamm einer Düne und blickte zufrieden gen Osten. Garganoths Atem, durchsetzt von feinem Sand, umspielte seinen Körper, verbarg ihn bisweilen gänzlich. „Wie eine Mutter, die ihren Sohn empfängt“, dachte Chandor Lesdraka am Fuß der Düne heimlich. „Nur gefährlicher und von unermesslicher Boshaftigkeit.“ Den Hauptmann der Badeha Harique fröstelte es.
„Bashar“, riss ihn einer seiner Männer aus der düsteren Bewunderung für den Sturmgarganothen. Lesdraka wendete den Blick ab, hin zu seinem Untergebenen. Riescha.
„Wir haben die Leichen der Astaten vergraben.“ Leise ergänzte sie: „Kalkaluz wird sie zu sich nehmen.“ Vorsichtig warf die Kriegerin erst dem Memlok, dann Lesdraka einen Blick zu. Dieser schien die Erwähnung des von den Garganothen als Götzen verachteten Erdgeistes gar nicht gehört zu haben.
Der Hauptmann nickte nur und ließ den Soldat mit einem kraftlosen Wink wegtreten. Auf dem Wall waren sie einer berittenen Streife der mittländischen Grenztruppen – Soldaten mit dem Symbol der Kriegsgöttin Asta auf der Brust – begegnet. Ein Kampf war nicht nötig. Der Memlok fegte zwei von ihnen aus dem Sattel gegen den uralten Fels, brach ihnen damit jeden Knochen und zwang den dritten mit einer einzigen Handbewegung zu Boden. Der Mann erstickte und Malkulessar schien dies nicht einmal anzustrengen. Lesdraka konnte die Ehrfurcht in den Augen seiner Männer sehen, als der Mittländer starb. Niemand würde sich je gegen den Memlok erheben.
Hier, am Fuß des Walls, den ersten Sand der Heimat unter den Füßen, hatte der Trupp die Toten verscharrt.
Nun galt es Enehil zu durchqueren. Die trostlose Wüste, überzogen von Steinen, die wie Pocken das krankhafte Land narbten, war unerbittlich. Genügend Wasservorräte waren nötig aber nicht vorrätig. Die letzte Quelle lag bereits Tage zurück. Es würde ein harter Marsch werden.

Prolog

ließ sich von einer lieblichen Schönheit teure Wassertrauben an den Mund reichen. Seine schwarzen Augen griffen den Ankömmling und hielten ihn fest. Eine Frucht knackte, dicker Nektar quoll zwischen seinen Zähnen hervor und perlte am Bart hinunter.
Obschon der Mond die Einöde dort draußen bald verlassen sollte, wirkte der Oberbefehlshaber überhaupt nicht erschöpft. Niemals zeigte er Schwäche. Die Kraft war immer im Memlok.

Turach stieß die Frau zur Seite und kam langsam auf  den Gast zu. "Chandor Lesdraka, ich hoffe, du bringst gute Kunde, in deinem Sinne", forderte er. Schlechte Neuigkeiten wurden drakonisch bestraft. "Wir haben Eure Befehle ausgeführt, Gesandter“, entgegnete der Untergebene. "Wir haben das Wesen."
Der Anführer der Ashum stand nun direkt vor seinem Soldaten. Er legte seine schwere rechte Hand auf Lesdrakas Schulter. "Ausgezeichnet. Und wo ist es?"
"Nun", erwiderte der Bote vorsichtig, "noch immer in Mittland – in unserer Gewalt. Es gibt Komplikationen. Wir können es nicht hierher schaffen". Diese Worte auszusprechen, hatte er sich die ganze Zeit über gefürchtet. Des Turach Malkulessars Zorn konnte todbringend sein. Der Sturmgesandte brummte, holte aus und fegte seine Pläne gegen die Zeltwand. Der Gegenstand, den die Pergamente freigaben – ein Kopesh! Chandor fügte schnell hinzu: "Es ist mit dem Land verbunden und stürbe, ehe es bei Euch wäre." Vorsichtig trat er einen Schritt zurück, starrte wie gelähmt auf die Klinge. Doch der Memlok hielt plötzlich inne, überlegte noch einmal. „Weck' deine Männer, wir brechen sofort auf. Ich begleite euch", dröhnte es in seinen Ohren. "Geh' jetzt!"
Lesdraka war verblüfft, allerdings hatte er keineswegs die Absicht noch eine schmerzhafte Bekanntschaft mit der Hand des Gesandten oder gar seiner Waffe zu machen. Er drehte sich um und verließ das Zelt in der Absicht den Befehlen seines Gebieters schleunigst nachzukommen.
Hiran stand noch immer vor dem Eingang herum und grinste. Er musste gelauscht haben. Kälte biss auf Chandors Haut, Wind böte und blies ihm schwarzen Sand ins Gesicht. Ein Sturm kam auf, mitten in der Nacht – keine Seltenheit in der Ödnis von Enehil.
Doch auch das würde nur ein weiteres Übel werden, auf dem Weg zurück.


Epilog

„Soldat“, schrie Lesdraka Riescha an. „Wir nehmen die Pferde der Astaten mit uns. Besser ihr Blut befleckt stillend unsere Lippen als das unsere die Wüste.“
Sie gehorchte.
Immer noch stand der Bashar am Fuß der Düne. Beinahe hätte er nicht gemerkt, dass der Memlok herabgeschritten war und ihn wohlwollend anblickte.
„Grenzstämme Enehils erzählen sich die Legende, die Seelen von Helden fahren nach dem Tode in die Leiber starker Pferde ein.“
Lesdraka zog bereits den Kopf zwischen die Schultern. Der Memlok zwang sich ein Grinsen auf sein blasses Gesicht.
„Doch dies sind mittländische Pferde.“ Laut schallend lachte er. Weithin durch den Wind konnte die gesamte Einheit es hören. Der Sturm schien das Lachen nicht hinfort zu reißen. Vielmehr trug er es hinaus in die Wüste. „Ein guter Befehl, Lesdraka. Ein guter Befehl.“
Unvermittelt wendete sich der Memlok ab.
„Wir marschieren in die Nacht hinein, Bashar. Garganoth ist uns wohl gesonnen und hat mir eine Nachricht übermittelt. Der Kalif möchte mich sprechen. Unser Auftrag erweckt sein Interesse.“
Lesdraka, immer noch den Kopf zwischen den Schultern, die Stirn kraus gezogen, nickte. „Jawohl Herr“, stammelte er demütig. „Wir marschieren.“
Der Bashar wendete sich ab und verschwand im Zwielicht des Kamsin.
Allein der Sturm konnte nun noch der Stimme des Garganothen lauschen, der ohne zu wanken zurückblieb: “Al fadee wahad adhama Garganoth. Ahad damaar khayaala. Euch ist meine Seele, Herr und dem Kalifen ist mein Schwert.
Der Memlok schlug ein Zeichen vor der Brust, hob die geöffnete Hand in die wirbelnde Luft und ballte sie zur Faust. Dann kehrte er zur Einheit zurück.