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Mittland III - Alte und neue Gäste

Die trüben Augen starrten grimmig nach Norden. Mit einem Schnaufen rammte der Späher seinen letzten Pfeil – dereinst sollte es ein todbringendes Geschoss werden – in die Erde und kniete nieder. Der Schweiß der unermüdlichen und anstrengenden Reise klebte im sumpfigen Haar und das getrocknete Blut vergangener Kämpfe bröckelte von der Stirn, als er sie angewidert in Falten zog.
Dort unten lag es, der Keim allen Leids, das der Stamm im vergangenen Jahr auf sich nehmen musste. Pein und Tod kam über die letzten Männer, Kummer verdunkelte die Herzen der Frauen und Kinder. Doch sie hatten es überstanden.
„Schwache Hunde“, spuckte der Grünling aus. Seine dürren Finger umschlossen Schwertknauf und Bogen. Er konnte den Rauch der Kamine sehen, wie er friedlich gen Himmel zog, die abartig süßen Düfte der Menschen riechen, die er und seinesgleichen so hassten. Bald würde alles der Vergangenheit angehören.
Ein Pfeifen erhellte des Fremden Gemüt. Sogleich erhob er sich, reckte seinen geschundenen Leib und spähte nach Osten. Mit der Hand beschattete er seine Augen.
Er stieß ebenfalls einen dürren Pfiff zwischen gelben, keifenden Zähnen hervor und konnte alsbald inmitten der Bäume, jenseits des Dorfes seinen Gefährten ausmachen.
Sie hatten gefunden, wonach sie suchen sollten. Beide Späher wurden ausgeschickt, um die Menschenbleibe Kern zu finden und den Stamm dort hinzugeleiten. Doch es war keine einfache Suche, die der Oger befohlen hatte, es war die Vorbereitung auf einen Rachefeldzug.
„Thoralf“, zischte der Späher durch die fletschenden Zähne. „Haben wir schließlich zu dir und deiner Sippschaft zurückgefunden.“ Müde schlug der Ork die Lider nieder und knurrte lastvoll vor sich hin. Er hob den Arm, winkte seinem Gefährten und erhob sich mit einem niedergeschlagenen Stöhnen.
„Wir sind zurück“, flüsterte er verheißungsvoll, als er den Bogen schulterte. Sein Blick verriet lodernden Hass und aufkeimenden Rausch. Mit Genuss fühlte er nach dem Pfeil in der Erde, zog ihn langsam heraus und tastete mit den Fingern nach der geschärften Spitze. Ein Tropfen Blut ergoss sich über den schwarzen Stahl.

Prolog

Der Späher sah geduldig zu, wie der zähe Saft das Metall langsam in Besitz nahm.
Ein Knacken ließ ihn aufhorchen. Der zweite Späher hatte auf schnellem Wege ungesehen zu ihm herüber gefunden. „Zurück zum Tross“, befahl er und schlich zu seinem Gefährten. Nur einen Augenblick später waren die beiden Grünlinge verschwunden, als hätte der ruhende Feenforst sie jäh verschluckt.

Später in diesem Sommer hockte eine zierliche Gestalt mit schlanken Gliedern und spitz zulaufenden Ohren zwischen einigen Buchen und beobachtete neugierig die Straße. Mit den Fingern liebkoste das Wesen eine Flöte, die in fein gezeichneten Händen ruhte. Wie über ein verletzliches Kind strichen die Finger der Fee über das zarte Instrument.
Ihre Augen verfolgten neugierig jeden Schritt einiger, in fließende Roben gekleideter Menschen, die sich langsam und bedächtig auf der Straße bewegten. Würdevoll und mit erhobenem Haupt schritten sie voran, unterhielten sich und strahlten erhabene Gelassenheit aus. Wer mochten diese Gestalten sein? Die Fee setzte die Flöte an den Mund und begann zu spielen. Wie jedes Mal, da sie Fremde auf dem Weg nach Kern sah, gedachte sie auch diesen Tages, die Reisenden mit der Musik zu erfreuen und zu begleiten. Viele Schritte von der Straße entfernt sprang das Wesen ungesehen durch das Grün und spielte. Die Wanderer hielten einige Male inne und lauschten. Vergeblich spähten sie in den Wald, um zu erkennen, wer ihr unsichtbarer Begleiter war.
Ein Knacken im Unterholz ließ die Fee schlagartig stocken. Die zauberhafte Melodie erstarb. Starr in den Gliedern hielt sie inne und blickte sich um. Erneut brach ganz nah das Holz. Sie glaubte, den Wald atmen zu hören, so still war es. Dann vernahmen ihre spitzen Ohren das Schnallen einer Sehne und den Abschuss eines Pfeils.
Die Reisenden vom Wege blickten erschrocken hinüber. Die Musik war mit einem schrillen Ton verklungen. Gleich darauf glaubte einer der Magier das Unterholz brechen zu hören. Als zahlreiche Vögel schlagartig aus den Baumkronen in den Himmel hinaufstiegen, blickten sich die Zauberer skeptisch an.