Mittland II - Das Dreigeschlecht
Herbst des Jahres 1388.
Es heißt in einem orkischen Schlachtenlied: „Der König, der den Namen sucht, stirbt durch keine Klinge.“
Doch es soll anders gewesen sein. In einem kleinen Dorf im Süden Mittlands, in Kern, sollen die Uzod-Orks vom Rande einer Lichtung mit angesehen haben, wie der namenlose König, der Kopf der Geißel, durch das Dorftor geschritten kam und versuchte sich der Bewohner des Örtchen zu bemächtigen. Er war auf der Suche nach neuer Macht, denn die Gewalt, die er inne hatte, schien ihm nicht auszureichen. Er suchte mystische Stein, die Magischen Bestien, deren letztes Exemplar in Kern verborgen lag.
Seine untoten Diener, erzählt das Lied der Orks weiter, sollen nach dem Leben der Kerner getrachtet haben, doch jene wehrten sich tapfer. Die Einheimischen bekämpften die Brut und suchten nach einer Blöße des dunklen Königs, einem wunden Punkt, doch selbst die Schwerter der tapfersten Krieger schienen seinem geisterhaften Leib nichts anhaben zu können. Bis plötzlich Geschrei zwischen den Palisaden ausbrach und der König inmitten des Dorfplatzes in die Knie ging. Sein Leib verblasste für einen kurzen Moment, seine stolze Haltung brach zusammen, als trüge er auf einmal unzählige Pfunde auf seinen Schultern, da traf die erste Klinge eines Bewohners den verdammten Körper und leckte schwarzes Blut vom verbrannten Fleisch. Die Diener des Schergen fielen um ihn herum zu Boden, schrieen mit betäubendem Gekreisch, als sie auf der nassen Erde aufschlugen. Schließlich fanden sie ihren endgültigen Tod.
Der König, erzählen die Orks, wehrte sich und musste schließlich doch den Kampf aufgeben. Er verschwand vor den Augen der Bewohner Kerns, die wütend ihre Waffen schwangen.
Wenige Augenblicke später hörte ganz Kern die dunkle Stimme des namenlosen Herrn vom Walde herüber rufen. Unweit des Dorfes tauchte er, dort, wo die Orks neugierig im Busch lagen, wieder auf und verfluchte den Ort, an dem er versagte. Doch der Fluch war nur ein saures Brot, gebacken aus Zorn, Verzweiflung und Wut – nichts weiter. Kurz darauf war er vollends verschwunden – zurückgekehrt in seinen finsteren Palast. Gedemütigt. Bezwungen.
Prolog
Jubelschreie drangen von Kern den Hang zu den Orks hinauf. Freudenrufe erfüllten die vom Regen getränkte Luft, als mit einem Mal der Himmel aufriss und die Spätsommersonne das einst so ruhige Tal im Feenforst flutete.
Was geschehen war, erzählt das orkische Schlachtenlied nicht. Warum der allmächtige König die Flucht ergriff, konnte sich kein Uzod erklären. Die Orakel der Schamanen gaben nur unverständliche Bilder wieder, die nicht zu deuten waren.
Eines stand jedoch fest. Die Menschen hatten ihr Versprechen den Uzod gegenüber gehalten. Sie hatten den Stein beschützt und ihn den langen Klauen des namenlosen Königs entzogen.
In Kern erzählt man sich, die Kraft der alten Feen habe den König schließlich vertrieben. Das, was der Namenlose so sehr begehrte, hatte ihn schließlich bezwungen. Durch diese Kraft und die Zusammenkunft von nicht ganz zwei Dutzend starker Herzen, soll die Gegend wieder etwas friedlicher geworden sein.
Im Frühling 1389, ein halbes Jahr, nachdem die Orks jenes Schlachtenlied das erste Mal aus ihren rauen Kehlen hinaus gebrüllt hatten, offenbarte die warme Sonne, dass der Krieg im Süden zwar kein Ende gefunden hatte, aber dass die Truppen der Geißel und die Scharen der Uzod Mittland verließen. Dort, wo der letzte Schnee von den Berghängen taute, versickerte auch das letzte verdammte Blut, ob von Geißel oder Uzod, tief in der Erde. Erste Historiker und Schreiber der großen Städte erzählten bereits im frühen Sommer vom Rückzug der Untoten nach Ashkar und der Auslagerung des Krieges aus Mittland. Frieden.
Den König, der seinen Namen suchte, hat seit jeher niemand mehr gesehen. Mit ihm sind drei der fünf Schutzsteine der Feen spurlos verschwunden. Einst fehlte ihm nur ein einziger Stein zum Sieg.
Und Kern heute, im Sommer 1389? Das Dorf ist wieder jener stille Ort im alten Wald der Feen, an dem ein Wanderer nach einer langen Reise gern in das Wirtshaus einkehrt, Schutz vor der Nacht sucht und sich sicher fühlen kann – bis die Welt in Kern neue Wogen schlägt.
